Die Kunst des Schweigens – warum es uns so schwerfällt, einfach mal die Klappe zu halten

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Die Kunst des Schweigens: Warum es uns schwer fällt, einfach mal die Klappe zu halten

Wir sprechen unaufhörlich – Männer genauso wie Frauen. 16.000 Wörter am Tag*, 5,8 Mio. im Jahr, 440 Mio. in 75 Jahren. Sind das alles sinnvolle Dinge, die wir da von uns geben oder ist dieses viele Reden vor allem eine riesige Energieverschwendung? Vergiften wir mit einem Teil unseres Redeschwalles vielleicht sogar unsere Umgebung?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Was ist darunter zu verstehen? Ist jede Form des Schweigens „golden“? In meinem Blog-Artikel „Die Kunst des Schweigens“ möchte ich vor allem auf zwei Formen des Schweigens eingehen und erklären, warum es uns so schwerfällt, ab und an den Mund zu halten:

  1. Schweigen als Form der Selbstbeherrschung – seinen Mund vor allem dann halten, wenn man unter großem Druck steht oder provoziert wird
  2. Schweigen als „Umweltschutz“ – seinen Mitmenschen nicht durch das unaufhörliche Gemecker zur Last zu fallen

Es gibt selbstverständlich viele weitere Gründe, um zu schweigen. Folgende Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, gibt aber einen ersten Überblick:

  1. Schweigen, weil man nichts Gehaltvolles beizutragen hat
  2. Schweigen, weil man wirklich zuhören möchte und neugierig ist
  3. Schweigen, weil man es besser weiß und über den Dingen schwebt
  4. Schweigen, weil man jemanden verunsichern, beherrschen, manipulieren, steuern oder neugierig machen möchte
  5. Schweigen, weil man sich auch ohne Worte versteht
  6. Schweigen, weil man nachdenkt und sich „sammelt“
  7. Schweigen, weil man unsicher ist, was man sagen soll
  8. Schweigen, weil man grundsätzlich schüchtern ist
  9. Schweigen, weil man nicht Lügen möchte
  10. Schweigen, weil man niemanden durch seine Worte verletzen möchte

Erst denken, dann sprechen

Meistens ist das, was man impulsiv im Stress von sich gibt, nicht gerade der Weisheit letzter Schluss. Häufig hat man das hinterher bitter zu bereuen.

Seine Zunge zu hüten, erst zu überlegen und dann zu sprechen – das klingt so leicht und ist doch so schwer umzusetzen. Gerade in kritischen Situationen, wo es wirklich auf dieses einfache Rezept ankäme, ist es besonders schwierig, nicht impulsiv drauflos zu plappern.

Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch.

Dass die These von den plappernden Frauen haltlos ist, wurde in der oben zitierten Studie bewiesen. Männer sind keinesfalls so wortkarg und schweigsam, wie sie es gerne nach außen darstellen wollen.

Miteinander zu reden, dient eigentlich nur dem Informationsaustausch. Und Unterhaltungen dieser Art sind kurz und karg. Wir kämen mit einem Bruchteil der 16.000 Wörter aus, wenn wir nur relevante Informationen austauschen würden.

Warum in aller Welt sprechen wir also so viel?

Aber wir bereden offensichtlich nicht nur relevante Dinge, sondern Tauschen beim Small-Talk neben Belanglosigkeiten über das Wetter auch noch allerlei Klatsch und Tratsch aus. Dieser Tratsch à la „Weißt du schon, was sich der Müller wieder geleistet hat?“ fungiert gleichzeitig als eine Art sozialer Kleb- aber auch als Sprengstoff: Gemeinsames Lästern über Dritte stärkt einerseits die Bande zwischen manchen Mitgliedern der sozialen Gruppe, andererseits führt es zu großen Konflikten, wenn herauskommt, wer über wen schlecht geredet hat.

Eine besondere Form der Kommunikation: „Mentales Auskotzen“

Die Hypothese**, warum wir unaufhörlich vor uns hinblubbern, ist jedoch, dass Sprechen vor allem ein Ventil ist, die inneren psychischen Spannungen abzubauen. Umgangssprachlich wird dieser Spannungsabbau salopp als „mentales Auskotzen“ bezeichnet.

Wo kommen die mentalen Spannungen her?

Das Leben an sich ist von Geburt an stressig. Allerlei Informationen prasseln unaufhörlich über die Sinne auf uns ein. Die Informationen „drücken“ sich uns wortwörtlich „(r)ein“ – „Sinnes-Ein-Drücke“ sagen wir dazu.

Daniel Holzinger Stuttgart Charlottenplatz

Sinneseindrücke – eine Quelle des Stresses

Wir können unsere Augen schließen und uns in ein ruhiges Zimmer zurückziehen, aber sobald wir am Leben aktiv teilnehmen, sind wir diesem Prozess des „Reindrückens“ ausgesetzt. Der Straßenlärm, die Hintergrundgeräusche im Großraumbüro, das Surren der Computerlüftung und die sommerliche Hitze „drücken“ sich ungefragt über die Ohren und die Haut in uns „ein“. Und diese Form des Reindrückens stresst uns.

Zu viele Sinnesreize stressen

Vor allem Kleinkinder haben keine Möglichkeit, sich vor den/dem „Ein-Drücken“ zu schützen. Sie sind von den „Sinnes-Reizen“ schnell überfordert, werden „gereizt“ und fangen an zu quengeln und zu schreien.

Quengeln tun aber nicht nur kleine Kinder. Jammern, Schimpfen, Motzen, Schreien und Ausrasten – auch Erwachsene nutzen diese angeborene Strategie zum Stressabbau. „Ich muss mich jetzt mal so richtig über diesen Müller auskotzen!“

Unerfüllte Wünsche und geplatzte Träume, unrealistische Gedanken, Vorstellungen und Erwartungen, Niederlagen und Schicksalsschläge, traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit und Zukunftsängste vergrößern die inneren Spannungen mit jedem Lebensjahr.

Viele haben das Gefühl zu platzen – mentales Auskotzen als Ventil

Wenn man über Jahre all das in sich hineingefressen und nicht gelernt hat, mit stressigen Sinneseindrücken und anderen problematischen Lebenssituationen auf eine konstruktive Art umzugehen, hat man eines Tages das Gefühl zu platzen.

Um nicht zu platzen und den inneren Druck kurzfristig abzubauen, benutzen fast alle Menschen die drei gleichen, destruktiven Strategien:

  1. Sich betäuben und ablenken – und so tun, als gäbe es den Druck und die Spannungen nicht
  2. Sich durch körperliche Aktivität erleichtern – endlos sporttreiben oder gewalttätig werden

Die wahrscheinlich gängigste und sozial konformste Strategie ist:

  1. Sich mental auskotzen – durch endloses Schimpfen und „Bruddeln“ alles rauslassen und sich kurzfristig dadurch erleichtern, dass man von seinem eigenen Gemecker ermüdet und sich irgendwann selbst nicht mehr hören kann

Die Kunst des Schweigens – vor allem dann, wenn es schwerfällt

Oft, wahrscheinlich sehr oft, hat man den impulsiven Drang, sich verbal zu erleichtern, obwohl man gleichzeitig weiß, dass es besser wäre, still zu sein. Dieser impulsive Drang ist, wie der Name sagt, ein „Inneres-Sich-Aufdrängen“, das man selten kontrollieren oder verhindern kann.

Gerade in kritischen Situationen verlangen Menschen aber von sich zu funktionieren – sie möchten vor allem dann beherrscht, souverän und überlegt sein, wenn es darauf ankommt.

Und das Wissen, dass es besser wäre, seinen Mund zu halten, während man sich gleichzeitig um Kopf und Kragen redet, führt unweigerlich zum Ärger über sich selbst.

Jetzt muss man zwei Probleme lösen – das Geplapper „rückgängig“ machen und sich selbst nicht „doof finden“

Wenn einem wieder Dinge rausgerutscht sind, die man nie sagen wollte, dann hat man nicht nur die Schwierigkeit, dem anderen klarzumachen, dass das Ganze ein Versehen war, sondern man muss sich zusätzlich noch mit der Frage herumquälen, warum es einem wieder nicht gelungen ist, den Schnabel zu halten.

Hätte man nur zwei Sekunden innegehalten und über die eigenen Worte nachgedacht, hätte man jetzt womöglich kein Problem am Hals.

Da sich die ausgesprochenen Worte nur leider nicht wieder rückgängig machen lassen, bleibt nur eins: Es zukünftig besser machen.

Aber wie macht man das? Wie schafft man es „Einfach mal die Klappe zu halten“ und über die eigenen Worte nachzudenken, bevor man sie ausspricht? Warum kann es manchmal viel besser sein, nichts zu sagen? Und wie bekommt man den Selbstärger aus den Knochen, wenn man mal wieder einfach losgeplappert hat?

Wenn du die Antwort auf die Frage nach der Kunst des Schweigens suchst, bist du bei diesem Friday Night Coaching genau richtig.

Einfach mal die Klappe halten

Die Kunst des Schweigens lernen

 

Bis dann, dein
Dr. Daniel Holzinger

Der Autor:

Dr. Daniel Holzinger zeigt wissbegierigen Menschen, wie sie sich in schwierigen Lebenslagen selbst helfen können. Seinen Rat haben zahllose Menschen aus Kunst, Kultur, Wirtschaft und Sport in Anspruch genommen. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart, behauptet den besten Cappuccino zu machen und liebt die Natur rund um die Stuttgarter Bärenseen.

Quellen:
*Mehl, Vazire, Ramírez-Esparza, Slatcher & Pennebaker (2007). Are Women Really More Talkative Than Men? Science 317 (5834), 8
**die Idee zur Formulierung dieser Hypothese und die daraus entwickelten Gedanken habe ich von Dipl. Psych. Milenko Vlajkov