Wie viel Wasser muss man in die Wüste kippen, bis sie fruchtbar wird? Haben Sie schon einmal versucht, die Wüste zu bewässern? Wahrscheinlich sind Sie nicht so verrückt, um Ihre Energie in ein solch fruchtloses Unterfangen zu stecken. Was hat das Bewässern der Wüste mit der Frage nach Wertschätzung und Dank zu tun? Und warum kann man behaupten, dass das ganze Land an dieser Nadel hängt? Warum ist Wertschätzung wie eine Droge, von der man nie genug bekommen kann?

Wertschätzung ist der Antrieb für viele – aber was, wenn sie ausbleibt?

Für viele Menschen ist die Hoffnung auf Wertschätzung, Lob und Anerkennung der Hauptantrieb, um sich früh morgens aus dem Bett zu schälen und sich zur Arbeit zu schleppen. Sie behaupten, dass Wertschätzung, Lob und Anerkennung ihre Antriebsfedern sind und wenn diese ausbleiben, dass ihnen dann die Kraft und Motivation fehlt, sich im Beruf und Privatleben zu engagieren. Im Büro angekommen, hängen sie dann an den Lippen des Chefs oder des Vorgesetzten und hoffen, ein Tröpfchen vom süßen Nektar des Lobes, der Anerkennung oder der Wertschätzung abzubekommen. Warum das so ist, dafür gibt es viele Ursachen. Eine mögliche liegt darin, dass viele Mitarbeiter Angst haben: „Was, wenn ich meinem Chef nicht gut genug bin? Werde ich dann gekündigt? Wenn er mir nur ein Zeichen geben würde! Aber er schaut mich laufend so komisch an – und meist ignoriert er mich. Ich finde meine Arbeit gut und ich gebe ständig mein Bestes. Aber ich glaube ihm reicht es nicht. Sonst würde er doch etwas sagen? Mag er mich nicht? Was mache ich was falsch? Wenn er mir kündigt, vielleicht finde ich dann nie wieder eine Arbeit?”. So leben viele in der ewigen Hoffnung, dass ihr Durst nach Wertschätzung endlich gestillt werde und ihr grüblerischer Geist dadurch zur Ruhe kommen möge. Dann leisten und arbeiten sie entweder immer mehr und opfern sich für die Firma auf oder sie leiden unter der mangelnden Wertschätzung und kündigen dann irgendwann aus Frust innerlich (oder tatsächlich). Zahlen belegen es: 91% der Befragten einer repräsentativen Umfrage (ManpowerGroup 20017) geben an, dass Ihnen die Wertschätzung am Arbeitsplatz wichtig (42%) bzw. sehr wichtig (49%) ist. Diese 91% jammern ständig nach Anerkennung, Lob und Wertschätzung und begeben sich damit in eine Abhängigkeitsfalle. 17% der Befragten geben an, dass ihre Hauptmotivation für einen Jobwechsel darin begründet liegt, dass sie und ihre Leistungen nicht genügend anerkannt werden.

Chefs sind der Klemme – wie können sie nur ihre Mitarbeiter glücklich machen?

Im Gegensatz dazu stellt sich die Lage der Chefs auch nicht besser dar. Sie wissen, dass ihre Belegschaft an der „Wertschätzungs-Nadel“ hängt und sie nie genug von dieser Droge bekommen können. Sie loben entweder inflationär mit der „Gießkanne“, wie es die Führungsregeln in vielen Unternehmen fordern – soll heißen, sie schütten ihr Lob ständig gleichmäßig über alle Mitarbeiter, auch bei mittelmäßigen Leistungen bzw. Standardaufgaben, so dass die Mitarbeiter das Lob irgendwann gar nicht mehr „glauben können“ bzw. das Lob des Chefs anzweifeln: „Das ist doch lächerlich, was der macht. Er lobt einfach jeden! Dieses Lob kann er sich sparen. Das ist nicht die wahre Anerkennung, die ich mir wünsche!“ – oder die Chefs loben überhaupt nicht mehr, da sie es, aus den Augen der Mitarbeiter, sowieso nie recht machen können. Eine dritte Möglichkeit besteht für Chefs darin, das Lob „homöopathisch“ zu verteilen. In geringen Dosen, zu unvorhersehbaren Momenten – das ist dann der Weg zur klassischen Konditionierung. Auf diese Weise kann ein Chef seine Mitarbeiter vom Lob abhängig machen, so dass sie wie die Hunde im „Pawlowschen Experiment“ beim Klang der Glocke zu sabbern anfangen, selbst dann, wenn es gar kein Futter gibt. Ein Teufelskreis entsteht: Mitarbeiter kündigen aus Frustration über fehlende Wertschätzung innerlich (und bekommen dann am Ende ein „Burnout-Syndrom“) und Chefs werden aus stiller Verzweiflung über die unmotivierten Kollegen immer zynischer und/oder aggressiver („Die sind einfach nicht mehr belastbar und halten überhaupt nichts aus!“).

Firmen, Chefs und Führungskräfte ändern nichts – denn ihr Vorgehen funktioniert ja!

Es scheint also wahr zu sein, dass Firmen, bzw. die Chefs und ihre Führungskräfte, gar keine Strategie haben, wie sie diesen “Durst” ihrer Angestellten nach Wertschätzung jemals stillen können. Es ist so, als schütteten sie mit ihren „Wertschätzungsprogrammen“ Wasser in die Wüste. Alle oben skizzierten Lösungen sind unbefriedigend, denn wer will schon abhängige Mitarbeiter, die frustriert sind, irgendwann innerlich kündigen, und dem Chef ständig „auf den Wecker gehen“, dass er sie doch endlich, in zufriedenstellendem Maße, loben, respektieren und wertschätzen solle? Vielleicht ist es auch so, dass Chefs nicht nur keine Strategie, sondern manchmal auch gar keine Lust drauf haben, andere zu loben. Vielleicht weil sie selbst mit Arbeit überfordert oder auf einem Ego-Trip sind? Vielleicht haben sie selbst Angst davor, etwas falsch zu machen? Das führt dann zur Nicht-Wahrnehmung der Mitarbeiter und folglich zu falschen Einschätzungen, sowohl fachlich als auch menschlich. Sie oszillieren zwischen „Ich bin Chef und gebe den Ton an, egal ob richtig oder falsch!“ und „Ich bin nicht da um euch zu bespaßen, ihr seid erwachsen, macht was ihr wollt!“. Häufig haben Führungskräfte gelernt, dass eine Firmen-Kultur, die eine implizite Drohung „Die Entlassung in der Luft!“ enthält, dazu führt, dass die Mitarbeiter aus Angst spuren und die Firma daher einigermaßen erfolgreich läuft. Wenn dazu noch dieStreuung gezielter, eigentlich „nicht-öffentlicher“ Informationen kommt, gibt es wahrscheinlich keine bessere Mischung um Misstrauen untereinander zu sähen, Abhängigkeiten zu erzeugen und ein kurzfristiges motivationales Strohfeuer zu entfachen; mittel- bis langfristig werden die negativen Konsequenzen dieser Machtdemonstrationen wahrscheinlich überwiegen. Wie gesagt: ein Teufelskreis.

In Partnerschaften und Familien läuft es ähnlich – „Liebe mich! Danke mir!“

„Sie“ erwartet von „Ihm“ die Liebe und die Wertschätzung für ihre Arbeit im Haushalt, bei den Kindern oder bei der Doppelbelastung aus Arbeit und Familie, wenigstens aber erwartet sie Respekt und Achtung. „Er“ erwartet von „Ihr“, dass sie seine Bemühungen, das Geld für die Familie zu verdienen, irgendwie honoriert, am besten sollte sie es ihm danken oder ihm etwas zurückgeben; sei es für ihn zu kochen, ihn sexuell zu befriedigen oder die Wohnung zu putzen. Paare behaupten immer wieder „so viel in die Beziehung investiert“ zu haben – an Geld, Liebe, Energie, Geduld etc. – und fordern dann die Rendite, auf dass es der Andere irgendwie zurückzahle.

Ähnlich verhalten sich häufig auch Eltern gegenüber ihren Kindern. Eltern sprechen von den „undankbaren Plagen“, die sich nicht am Haushalt, an der Gartenarbeit oder beim Abwasch beteiligen. Sie rechnen ihren Kindern ständig vor, was sie alles für sie getan haben und beklagen die Tatsache, dass ihre Kinder respektlos sind. Dann werden sie laut und aggressiv und zerstören die Basis für eine gute Beziehung zu ihren Kindern.

Die Idee der Wertschätzung vergiftet die Beziehungen

Beziehungen, in denen „aufgerechnet“ und „verglichen“ wird, sind meist innerlich vergiftet und durch die scheinbar fehlende Wertschätzung ausgehöhlt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Beziehungen am Arbeitsplatz oder um partnerschaftliche, familiäre oder freundschaftliche handelt. Wenn also Einer glaubt, “mehr in die Beziehung investiert zu haben” als der Andere, dann führt dieses tatsächliche oder gefühlte Ungleichgewicht und die unerfüllte Forderung nach Wertschätzung, Respekt, Achtung oder Liebe unweigerlich zum Konflikt und häufig zur schmerzvollen Trennung. Viele Paare (oder Angestellte, Freunde, Kinder) leben dann in einer “gefühlten Hölle” aus Verbitterung und Hass.

Es kann also gesagt werden, dass immer dann, wenn eine oder beide Parteien, vom anderen Dank, Lob, Anerkennung und Wertschätzung fordern, eine fast unüberwindbare Barriere entsteht. Denn wie viel Lob ist genug? Welche Form der „Liebe“ soll der Chef zeigen? Welche Worte soll er wählen? Soll er seine Mitarbeiter „drücken“, umarmen oder ihnen nur die „feuchte Hand“ geben? Soll er eine Urkunde, eine Medaille oder einen dicken Scheck überreichen? Soll er öffentlich loben oder besser unter vier Augen? Und wie beweist ein Kind seinen Eltern den Dank? Wie soll es jemals den Ausgleich schaffen? Wie beweist man seinem Partner die Liebe? Was kann man tun, wenn der Andere sagt „Beweis mir Deine Liebe! Zeig mir Deinen Dank! Schätze mich wert!“?

„Wert-Schätzung“ ist ein „ekelhaftes“ Wort!

Betrachtet man das Wort „Wert-Schätzung“, fällt einem sofort auf, dass die wörtliche Bedeutung darin liegt, jemandes Wert zu schätzen. Dabei wirft sich unweigerlich die Frage auf, was bzw. wie viel ein Mensch „wert“ ist? Auf dem Viehmarkt wird der „Wert“ der Tiere „geschätzt“. Händler bzw. Bauern begutachten die Zähne, die Muskeln und den Wuchs der Tiere, schätzen daraufhin den Wert der Tiere in Euro und behandeln die Lebewesen wie eine Ware. Für ein starkes, gesundes Tier bezahlen sie viel, für ein schwächliches wenig. „Menschen-Händler“, die mit Prostitution ihr schmutziges Geld verdienen, „schätzen den Wert“ besonders junger Mädchen bzw. Frauen als besonders hoch ein, weil manche Männer bereit sind, für den Sex mit jungen Mädchen besonders viel zu bezahlen. Sie betrachten die Mädchen, wie die Bauern die Tiere auf dem Viehmarkt, als Ware: die jungen, hübschen sind viel wert, die alten, gebrechlichen wenig oder nichts. Nationalsozialisten haben an der Rampe im Konzentrationslager in Auschwitz die Menschen sprichwörtlich „wertgeschätzt“. Die „Guten“ ins Arbeitslager und die „Schlechten“ in die Gaskammer! Wenn man „Wertschätzung“ aus diesem semantischen Blickwinkel betrachtet, möchte man doch nie wieder „wert-geschätzt“ werden? Wer hat das Recht, einen anderen Menschen zu „be-wert-en“? Und wieso werten sich die allermeisten Menschen selbst ab? Sie sprechen dann von einem geringen „Selbst-Wert-Gefühl“, behaupten unter einem „Minder-Wertigkeits-Komplex“ zu leiden und meinen dabei, dass sie selbst keinen oder nur sehr wenig Wert hätten.

Was tun mit dem Wertschätzungs-Dilemma?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, mit dem Thema „Wertschätzung“ umzugehen. Drei davon seien hier kurz skizziert:

  1. Man kann auf der Forderung nach Wertschätzung beharren und sich dadurch selbst „versklaven“. Dadurch begibt man sich in eine ewige Abhängigkeit vom Chef oder Partner bzw. lebt in der ständigen Angst, dass einen die Anderen als „minder-wertig“ oder nicht „Lebens-Wert“ einschätzen. Die Folgen dieser Entscheidung sind vorprogrammierte Konflikte, dauerhaftes Leid und ein jämmerliches Leben – ähnlich, wie wenn man von einer stofflichen Droge wie Heroin, Kokain oder Alkohol abhängig ist.
  2. Man kann sich dazu entschließen, das Lob und die Anerkennung nicht von anderen zu erwarten, sondern sich selbst für eine erbrachte Leistung zu „loben“ bzw. anzuerkennen, denn eigentlich weiß jeder selbst, ob er eine Sache zufriedenstellend erledigt hat. Dann könnte man auch mit eigenen Fehlern oder einem „Versagen“ selbstkritisch umgehen und bräuchte keine Angst vor dem Tadel der anderen zu haben. Damit wäre es ein Leichtes, sich selbst die notwenige Achtung entgegenzubringen und sich von der Meinung anderer zu befreien. Aber übertriebener Perfektionismus, mangelnde Selbstsicherheit und die allgegenwärtige „Selbst-ab-wertung“ stehen dieser einfachen Lösung, als sogenannte Effizienzblockade, im Weg.
  3. Bedingungslose Akzeptanz der Tatsache entgegenbringen, dass es unmöglich ist, den Durst nach Anerkennung und Wertschätzung jemals zu stillen. Aus vielen Experimenten der Sozialpsychologie ist bekannt, dass derjenige, der etwas für einen anderen getan hat, dies als eine 100 prozentige „Leistung“ betrachtet. Der Empfänger dieser „Leistung“ betrachtet dies aber nur als 50 prozentige „Leistung“, da er immer etwas am anderen und seiner „Leistung“ zu nörgeln findet. Dementsprechend gibt er dann auch nur 50 Prozent Dank, Wertschätzung oder Anerkennung zurück. Der ursprüngliche „Geber“ empfängt dadurch, seiner Meinung nach, aber nur ein Viertel dessen, was er gegeben hat. Er beginnt sich über die Undankbarkeit des anderen aufzuregen. Ein kleines Beispiel soll das verdeutlichen: Angenommen Maria bittet ihren Freund Franz ihr beim Umzug zu helfen. Sie vereinbaren, dass Franz „am Samstag“ hilft. Franz erscheint gegen 10 Uhr, um die Kisten zu schleppen. Alle anderen haben aber schon gegen 8 Uhr begonnen, so dass Franz zur ersten Vesperpause erscheint. Er packt die Gelegenheit beim Schopf und frühstückt erst einmal ausgiebig und trägt erst nach der Pause gegen 10.30 Uhr seinen ersten Umzugskarton die Treppen runter. Selbstverständlich macht auch er eine veritable Mittagspause und verabschiedet sich gegen 15.15 Uhr mit den Worten, dass es nun an der Zeit wäre nach Hause zu gehen, um Bundesliga zu gucken. Seiner Meinung nach hat er also den ganzen Samstag für seine Freundin geopfert – das sind die 100 Prozent aus oben genannter Erklärung. Einige Monate später ist es umgekehrt. Franz muss umziehen und auch er bittet seine Freundin Maria, ihm zu helfen. Er geht davon aus, dass auch sie den ganzen Tag beim Schleppen hilft. Maria denkt aber folgendes: „Also eigentlich kam er erst gegen zehn Uhr. Dann hat er sich erstmal auf meine Kosten den Bauch vollgeschlagen. Nach eineinhalb Stunden hat er wieder eine ausgiebige Mittagspause gemacht und um drei ist er wieder gegangen. Außerdem hat er mindestens drei Zigaretten- und Kaffeepausen eingelegt. Er hat mir ja kaum mehr als zwei bis drei Stunden netto geholfen!“ – das ist dann nach Marias Rechnung gerade so der halbe Tag und damit nur 50 Prozent von dem, was Franz gedacht hat, gegeben zu haben (nämlich den ganzen Tag). Daraufhin antwortet sie Franz: „Ich helfe Dir gerne! Aber ich habe leider nur zwei Stunden für Dich Zeit.“ Dies empfindet Franz dann als Frechheit – und nur als 25% von dem, was er aus seiner Sicht getan hat. Er wird pampig und sagt zu seiner Freundin: „Wegen zwei Stunden brauchst Du überhaupt nicht zu kommen. Ich habe Dir meinen ganzen Samstag geopfert und Du bist nur zwei Stunden für mich da. Eine Unverschämtheit!“. Er verflucht seine Freundin ob ihrer Undankbarkeit und ist monatelang mit ihr beleidigt.

Lernen Sie bei uns, sich selbst und andere aus diesem Dilemma zu befreien!

Es gibt noch ein paar weitere Möglichkeiten über die Wertschätzung nachzudenken und zu einem einhelligen Urteil darüber zu kommen, ob es sinnvoll ist, sich vom Lob anderer abhängig zu machen. Wir haben für das Thema „Wert-Schätzung“ eine paradoxe, kontraintuitive Lösung! Wir zeigen in unseren Aus- und Weiterbildungen, aber auch in unseren Vorträgen und Workshops, wie man sich elegant von der Abhängigkeit nach Lob, Anerkennung und Wertschätzung, und somit aus dem oben beschriebenen Teufelskreis, befreien kann. Neugierig geworden? Dann informieren Sie sich auf unserer Website über unsere Ausbildungen, Seminare und Vorträge oder rufen Sie uns an. Wir coachen Sie gerne individuell oder erarbeiten einen Vorschlag für Ihre Firma.

Beim “Friday Night Coaching” am 20. Juli 2018 geht es direkt und persönlich mit Dr. Daniel Holzinger um das Thema “Wertschätzung”. Melden Sie sich gleich an.

Copyright: Dr. Holzinger Institut

*Rational-Emotive & Kognitive Verhaltenstherapie