Im Sport wie auch im Alltag blockiert Angst die Leistungsfähigkeit

Was, um Himmels Willen, blockiert den VfB?

Am 27. Mai ist der VfB Stuttgart nach zwei verlorenen Relegationsspielen und einer „Horrorsaison“ (Interimstrainer Nico Willig) aus der ersten Bundesliga abgestiegen. Die möglichen Gründe hierfür sind wahrscheinlich schon in vielen Gazetten, TV-Sendungen und Fan-Foren ausgiebig erörtert worden. Kann man all diesen Diskussionen noch etwas hinzufügen? Lohnt sich ein Blick in die jüngere Vergangenheit des VfB, um einer möglichen Ursache der Misere auf die Schliche zu kommen?

Die „Irgendwie-Kopf-Blockade!“

Schon am 11. Februar sagte VfB-Torhüter Ron-Robert Zieler in einem Interview, dass das Problem nicht in den Beinen, sondern im Kopf liege: „Wir sind im Moment irgendwie blockiert.“ Und diese „Irgendwie-Kopf-Blockade“ wurde offensichtlich bis zum bitteren Ende nicht gelöst. Jeder, der die Spiele des VfB live oder am TV verfolgte, konnte sehen, dass die Spieler nicht frei aufgespielt haben, sondern „irgendwie blockiert“ waren. Und man darf sich vielleicht zurecht die Frage stellen, warum sich niemand im Verein für diese „Irgendwie-Kopf-Blockade“ der Spieler verantwortlich gefühlt und sie gelöst hat? Es wäre geradezu absurd, wenn beispielsweise Mercedes Benz für viele Millionen Euro ein Rennauto bauen würde, das „irgendwie blockiert“ sein sollte und die Firma dann im Frust zwei Teamchefs und den Sport-Vorstand feuern würde, anstatt dafür zu sorgen, dass die Blockade, des ansonsten tollen Rennautos, gelöst werden würde. Gut, man kann sagen, dass dieser Vergleich etwas hinkt und dass „Irgendwie-Kopf-Blockaden“ schwerer zu lösen sind, als beispielsweise eine defekte Bremse bei einem Rennauto, denn wie soll man eine „Irgendwie-Kopf-Blockade“ lösen, wenn nicht einmal der Spieler sagen kann, was ihn im Kopf auf irgendeine mysteriöse Weise „irgendwie blockiert“? Es würde sich bestimmt lohnen, etwas genauer hinzusehen und zu neugierig zu fragen, worunter der VfB (vielleicht?) leidet bzw. warum die Spieler „irgendwie im Kopf blockiert“ sind?

Können die Spieler vielleicht gar nicht kicken?

Die erste, offensichtliche Blockade, dass es „an den Beinen liegt“, müssen wir, nach Torhüter Zieler, ja schon ausschließen. Aber vielleicht wäre das etwas vorschnell, denn die beobachtbare Tatsache besteht ja offensichtlich genau darin, dass gerade „die Beine der Spieler“ nicht das gemacht haben, was der Trainer oder besser gesagt, die Trainer wollten. Zu viele Spiele gingen selbst gegen vermeintlich schwächere Gegner verloren, obwohl die „Qualität im Kader“ und die „individuelle Klasse“ einzelner Spieler, wie stets beteuert wurde, eigentlich dafürsprechen sollten, dass man diese Spiele gewinnt. Was, wenn es doch am „Spielermaterial“ läge? Was, wenn die Spieler des VfB in Wahrheit gar keine guten Fußballer sind und was, wenn deren „Beine“ überhaupt nicht in der Lage wären, guten Fußball zu spielen?

Sollte dies der Fall sein, dann müsste sich die Scouting-Abteilung unter ihrem Chef Markus Lösch die Frage gefallen lassen, nach wem sie eigentlich „scouten“ und warum die Sport-Vorstände Thomas Hitzlsperger und seine Vorgänger Dutt, Schindelmeiser und Reschke, diesen angeblich unfähigen Spielern Profiverträge anbieten, die im Durchschnitt mit 3.111.111 Millionen Euro pro Saison vergütet werden. Am 29.05.19 wurden von der DFL die offiziellen Finanzkennzahlen des VfB Stuttgart veröffentlicht. Demnach hat der Verein in der abgelaufenen Saison für 27 Lizenzspieler 84 Millionen Euro Gehalt bezahlt.

Mangelhafte Einstellung?

Stellt man sich die Arbeit eines Fußball-Talente-Scouts vor, dann besteht die Tätigkeit höchstwahrscheinlich darin, seine Fühler überall hin auszustrecken, bestimmte Spieler über Jahre zu beobachten und dann, wenn man den Eindruck hat, ein „echtes Juwel“ entdeckt zu haben, zuzuschlagen und den Spieler zu verpflichten. „Wir haben ihn schon im Jugend- und Übergangsbereich gesehen“ sagte Lösch beispielsweise über Pablo Maffeo, spanischer U-21-Nationalspieler, der laut Sportbuzzer für 9 Millionen Euro verpflichtet und als „echter Coup“ bezeichnet wurde. „Bevor man sich jedoch zu einem so kostspieligen Transfer entscheidet“, sagte Lösch, „müssen viele Eventualitäten abgewogen werden und dafür werden gerne auch mal 50 Namen für die jeweilige Position auf der Liste stehen.“ Umso erstaunlicher ist es dann, dass Maffeo im April 2019 – mitten im Abstiegskampf – aus der Mannschaft verbannt wurde. Präsident Wolfgang Dietrich gab an, dass es an der „mangelhaften Einstellung“ von Pablo Maffeo gelegen habe, warum er nicht mehr mitmachen durfte – klingt, ähnlich wie bei Torwart Zieler, nach einer „Irgendwie-Kopf-Blockade“. Was war denn an der Einstellung mangelhaft? Hatte der Spieler keine Lust mehr mitzuspielen, wie kleine beleidigte Kinder auf dem Bolzplatz?

Und wieso, muss man sich doch fragen, wird beim Scouting nicht vorher darauf geachtet, welche „Einstellung“ die Spieler haben oder noch schlimmer, wieso verändern manche Spieler beim VfB ihre Einstellung derart, dass sie nicht mehr spielen können bzw. nicht mehr spielen wollen? Und wieso gelingt es dem abstiegsbedrohten und erfolglosen Verein nicht, einen millionenteuren spanischen Nationalspieler nach einem Streit oder einer Auseinandersetzung wieder ins System zu integrieren und zur Kooperation zu bewegen? Wieso stellt sich ein Spieler nur so stur – was ist mit ihm geschehen, dass er sich weigert, sich in den Dienst der Mannschaft und des Vereins zu stellen? In diesem und in ähnlichen Fällen, handelt es sich offensichtlich auch um eine „Irgendwie-Kopf-Blockade“, die man auch Kränkung, Beleidigung oder Verletzt Sein nennen könnte. Und das kann man sich dann wie ein Pulmoll auf der Zunge zergehen lassen: offensichtlich sind der Spieler und der Verein so stur, so gekränkt, so beleidigt und so nachtragend, dass sie sich nicht mehr aufeinander zu bewegen und lieber absteigen, als die Egos zurückzustellen und gemeinsam für den Erfolg einzutreten. Offensichtlich kann sich der Verein solche Animositäten leisten – die Sponsoren zahlen sowieso und die Zuschauer strömen auch nach unzähligen Misserfolgen zu tausenden ins Stadion. Warum sollten sich die Verantwortlichen hinterfragen, wenn der Rubel sowieso rollt obwohl der Ball und die Beine „irgendwie blockiert“ sind?

Gibt es eine Art „Gift”, das die Spieler lähmt?

Oder verlernen die Spieler das Fußballspielen sobald sie beim VfB unter Vertrag stehen? Gibt es im Verein irgendeine Art „Gift“, das dazu führt, dass die Spieler „blockiert“ werden und ihre „Einstellung“ sich verändert. Spieler wie Maffeo müssen doch schon als Kinder und Jugendliche in ihren jeweiligen Mannschaften herausgestochen sein und sich ja gerade dadurch ausgezeichnet haben, dass sie talentierter als alle anderen Fußballer in ihrer Umgebung waren. Deshalb wurden sie gefördert und schon in frühen Jugendjahren, häufig mit viel Geld, zu den besten Mannschaften gelockt. Diese Spieler haben sich über viele Jahre aber nicht nur durch ihr oben genanntes Talent ausgezeichnet, sondern vor allem dadurch, dass sie bereit waren, härter zu trainieren als die meisten anderen und, dass sie motivierter waren, Schmerzen, Rückschläge und alle anderen Unannehmlichkeiten auf dem Weg zum Profi auszuhalten. Es ist anzunehmen, dass ihre „Einstellung“ über Jahre bei den Trainern und Vereinsverantwortlichen geradezu als vorbildhaft galt – warum in aller Welt sollte man sonst 9 Millionen Euro Ablöse und 3,1 Millionen Jahresgehalt für einen Spieler bezahlen, wenn er „nichts kann“ und eine schlechte Einstellung hat? Können sich alle Trainer dieser talentierten Spieler von Kindesbeinen an geirrt haben und einen Spieler in die spanische Nationalmannschaft berufen, der in Wahrheit gar nicht kicken kann, dessen Beine per se „irgendwie blockiert“ sind und der eine schlechte Einstellung hat? Wieso schafft es der VfB mit schöner Regelmäßigkeit seine eigenen Spieler zu demotivieren und zu vergraulen, die er jahrelang mit großem Aufwand gesucht und für viele Millionen Euro gekauft hat? Wieso wird nicht alles dafür getan, dass sich diese Spieler integrieren, sich zu einem Spielsystem „committen“ und somit zum Erfolg beitragen?

Die Zuschauer sind schuld!

Vielleicht liegt es ja auch an den äußeren Umständen, dass die Spieler nicht gewinnen können? Sind vielleicht doch die Zuschauer für den Abstieg verantwortlich? Nach Mario Gomez war die „negative Stimmung“ der Zuschauer eine mögliche Ursache für die schlechte Leistung im Relegationshinspiel. Er meinte, dass ihm diese „ganze negative Stimmung nicht gefällt“. Gemeint hat er damit wohl den lautstarken Unmut vieler Zuschauer über die erfolglose Vorstellung seiner Mannschaft. Vielleicht liegt es aber auch an den Trainingsbedingungen, dass die Spieler „blockiert“ sind? Sind die Umkleidekabinen renovierungsbedürftig? Ist der Rasen auf den Trainingsplätzen nicht optimal gepflegt? Vielleicht verdienen die Spieler auch zu wenig oder bekommen keine Siegprämien? Oder liegt es vielleicht am schlechten Mittagessen, das einen Energie-, Mineral oder Vitalstoffmangel verursacht? Liegt es an der medizinischen Abteilung? Vielleicht sind Prof. Best, Prof. Striegel oder die Masseure schuldig? Vielleicht massieren die Physios derart schlecht, dass die Muskeln der Spieler „blockiert“ sind? Vielleicht sollte der VfB den Münchner Super-Doc Müller-Wohlfahrt engagieren, damit die „Irgendwie-Kopf-Blockade“ eventuell weggespritzt werden kann?

Oder liegt es vielleicht am Athletiktrainer Matthias Schiffers? Laufen die Spieler zu viel oder zu wenig? Liegt es an der mangelnden Ausdauer oder sind die Spieler zu langsam? Oder an der Taktik von Trainer Korkut, Hinkel, Weinzierl oder Willig? Soll der neue Trainer Tim Walter besser ein 4-4-2 oder doch besser 5-4-1 mit Raute spielen lassen, um die „Irgendwie-Kopf-Blockade“ zu lösen? Oder wäre es besser die Handlungsschnelligkeit und Ballbeherrschung trainieren zu lassen, da viele Spieler in der abgelaufenen Saison unter Druck kaum unfallfreie Pässe spielen konnten?

Mutlos und scheu!

Die Vermutung liegt nahe, dass diese „Irgendwie-Kopf-Blockade“ nichts anderes als Angst ist. Die Angst zu versagen, die Angst Fehler zu machen, die Angst abzusteigen, die Angst ausgebuht zu werden, die Angst nicht mehr zum Team zu gehören, die Angst das übertrieben hohe Gehalt nicht mehr zu bekommen bzw. zu rechtfertigen, die Angst in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, die Angst dem Leistungsdruck nicht gerecht zu werden, die Angst den Erwartungen der Familie und Fans nicht zu genügen, die Angst, dass der eigene Marktwert fällt, die Angst, die Angst, die Angst? Und wieso haben diese Millionarios eigentlich Angst? Und warum wird diese Angst nicht als Angst identifiziert und auch so benannt, sondern als „Irgendwie-Kopf-Blockade“ bezeichnet und damit abgetan? Wahrscheinlich deshalb, weil echte Männer keine Angst haben. Und Profifußballer, die 3,1 Millionen Euro pro Jahr verdienen, müssen sowieso, per Naturgesetz, mit Druck, Stress und Angst umgehen können – alles andere sind sowieso Schwächlinge, Weicheier und Versager. Und ängstliche Menschen tendieren, wie wir alle wissen, gerne dazu, etwas zu riskieren, mutig voranzustürmen, Verantwortung zu übernehmen und anderen ein Vorbild zu sein (Ironie aus). Das VfB-Motto furchtlos und treu – ist doch im Moment ein hohler Wunschtraum der VfB-Marketingabteilung. Die Mannschaft spielt ängstlich und die Fans stellen ihre Anhängerschaft in Frage. Das passende Motto lautet daher momentan eher: mutlos und scheu.

Angst in Mut verwandeln

Vielleicht sollte sich die Vereinsführung einmal überlegen, ob und wie man die Angst der Spieler in Mut verwandeln könnte, so dass sie wieder mit Freude, Hingabe und Leidenschaft agieren? Mut, als Tugend zu propagieren, wäre sehr viel besser als Furchtlosigkeit. Denn fast alle gesunden Menschen haben unter Druck die Furcht oder die Angst etwas zu verlieren, Fehler zu machen oder zu versagen. Gesunde Menschen sind gerade deshalb gesund, weil sie Furcht und Angst kennen. Menschen, die keine Angst haben, sind tollkühne Spinner, die häufig ihr Leben und das Leben anderer leichtfertig aufs Spiel setzen.

Mutige Helden sollt ihr sein

Manchen Menschen gelingt es aber, ihre Furcht durch Mut zu ersetzen, um nicht von einer „Irgendwie-Kopf-Blockade“ wie Karies zerfressen zu werden. Die Forderung, dass die Spieler gefälligst keine Angst haben und furchtlos sein sollten, ist, wenn man es einmal näher betrachtet, eine unrealistische Unmöglichkeit und höchstwahrscheinlich die wahre Ursache der „Irgendwie-Kopf-Blockade“. Mutig wäre es, trotz der Angst sein Bestes zu geben und etwas zu riskieren. Und genau deshalb denken sich kleine Milchbubis, Mafiosi und Motorrad-Rocker Mutproben aus, um zu sehen, wer die Fähigkeit besitzt, seine Ängste, und damit ein Stück weit sich selbst, zu überwinden. Der wahre Mut bestünde allerdings darin, zu seinen Schwächen, Ängsten und Fehlern zu stehen, damit man sie überhaupt abbauen bzw. so verändern kann, dass die talentiertesten Spieler nicht zu Angsthasen mutieren, sondern zu mutigen Helden werden.

Die Angst über die Angst zu sprechen ist die wahre Blockade

Solange Spieler und Verantwortliche aber ihre Ängste als „Irgendwie-Kopf-Blockade“ bezeichnen und sie nicht als Angst benennen, versuchen sie nur sie zu verdrängen und so zu tun, als ob sie sie nicht hätten. Sie leben dann in der aberwitzigen Hoffnung, dass sich zum einmaligen fußballerischen Talent der Spieler auch noch ein göttlicher Funke Mut – quasi automatisch – einstellen möge. Aber diese Hoffnung wird sich auch in Zukunft nicht einfach so erfüllen, denn der Verein lebt schon seit Jahren in dieser unrealistischen und unerfüllten Hoffnung und bürdet seinen Spielern einen offensichtlich viel zu hohen Druck auf, der die Spieler blockiert, ihnen die Kraft und die Lust raubt. Vielleicht sollten die Verantwortlichen im Verein Experten suchen, die wissen, wie man es bewerkstelligen könnte, dass die Spieler mutig und im Idealfall auch noch treu sind!