Interview mit Prof. Milenko Vlajkov (Director of Education und Mentor im Dr. Holzinger Institut):

Wir treffen Milenko Vlajkov im April zum Interview auf Gran Canaria. Wenn die Pollenzeit beginnt, fängt für viele Menschen das Leiden mit der Allergie an. So wäre es auch bei Milenko. Kein Mittel will wirklich helfen. Deshalb verbringt er schon seit einigen Jahren die Frühlingszeit auf Gran Canaria und besucht in dieser Zeit eine spanische Sprachschule. Sein Spanisch wurde dadurch so gut, dass er seither auch spanisch sprechende Klienten in ihrer Muttersprache beraten kann. Aus der Not wurde eine Tugend.

Milenko, was waren Deine wichtigsten Meilensteine in Deinem Leben?

Es ist nicht leicht diese Frage zu beantworten. Von meinem gegenwärtigen Standpunkt aus, würde ich sagen, dass Herausforderungen, denen ich ausgesetzt war und die mich gezwungen hatten, über meine eigenen Grenzen hinauszuwachsen, die wichtigsten Ereignisse in meinem Leben sind. In diesem Sinne waren die Meditationswochen, die mein Meister für seine Schüler in den Jahren zwischen 1970-1981 einmal jährlich abgehalten hatte, eine bestimmte Form der körperlichen und geistigen Selbstüberwindung. In diesen Jahren konnte ich wichtige Erkenntnisse gewinnen, die ich sonst nie hätte erfahren können.

Die zweite Domäne, die ich als wichtig betrachte, ist die Behandlung schwieriger, psychisch gestörter Patienten, weil ich dabei mit anfangs unlösbaren Problemen konfrontiert war. Dadurch war ich wieder gezwungen, Wege zu suchen, wie ich diesen Menschen konstruktiv helfen kann. Daraus entstand mein Ansatz, dass jedes prinzipiell lösbare Problem gelöst werden kann und auch gelöst werden sollte. Aus dieser pragmatischen Philosophie wurde ich zum Denk- und Sparringspartner meiner Klienten.

Die Tätigkeiten an der Universität in Novi Sad (Serbien) stellten eine weitere Herausforderung für mich dar. Ich war gezwungen, die Sachverhalte der kognitiven Psychologie, der Sozialpsychologie, der klinischen Psychologie und der Arbeitspsychologie so aktiv zu erlernen, dass ich mit diesen Inhalten so vertraut bin, wie mit meinen eigenen Gedanken.

Das bedeutendste Ereignis in meinem Leben war die Flucht vor dem Krieg aus Serbien nach Deutschland. Ich musste das Leben noch einmal bei Null beginnen – ohne Aufenthaltserlaubnis (nur mit einer Duldung), ohne Kontakte, ohne finanzielle Mittel und ohne Arbeit. In dieser Situation hat mir nur mein klares Denken geholfen. Ich hatte angenommen, dass meine Kompetenzen, die ich schon häufig eingesetzt hatte, in Deutschland genauso gefragt sein könnten, wie in anderen Teilen der Welt.

Welche formale Ausbildung (Fachausbildungen) hast Du durchlaufen?

Das Grundstudium absolvierte ich an der medizinischen Fakultät der Universität in Belgrad. Damals war Psychologie an das Studium der Medizin angegliedert. Dies führte dazu, dass ich die Grundkenntnisse über menschliche Anatomie, Physiologie sowie Pathophysiologie von Grund auf erlernen musste. Das erwies sich im weiteren Verlauf meines Lebens als sehr nützlich, weil ich dadurch erkannt hatte, wie der Körper und der Geist miteinander zusammenhängen. Daraus ergab sich später mein großes Interesse für das Gehirn und die Hirnforschung.

Das Hauptstudium schloss ich 1974 als Diplom Psychologe ab. Im Anschluss an mein Studium arbeitete ich vier Jahre lang in einem großen Unternehmen als Personalleiter. Danach trat ich eine Stelle an der städtischen Klinik in Novi Sad als klinischer Psychologe an. Dort arbeitete ich dann elf Jahre als Leiter der psychodiagnostischen und psychotherapeutischen Abteilung. Parallel dazu wurde ich direkt nach meinem Studium eingeladen, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Novi Sad zu arbeiten. Aus dieser wissenschaftlichen Tätigkeit ergab sich eine Einladung zur Habilitation und 1987 wurde ich zum Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie ernannt. 1991 wurde mein ehrgeiziger Weg durch den Krieg jäh unterbrochen und ich musste über Nacht alles verlassen, was ich mir dort aufgebaut hatte.

Weiterhin habe ich folgende psychotherapeutische Fachausbildungen durchlaufen:

  • Gesprächstherapie nach K. Rogers
  • Verhaltenstherapie nach J. Wolpe und D. Meichenbaum
  • Kognitive Therapie nach A. Beck
  • Rational-Emotive-Verhaltenstherapie nach A. Ellis

Wieso bist Du Psychologe geworden?

Eigentlich galt mein Interesse der Physik und der Mathematik. Doch durch einen Streit mit meinem Physiklehrer habe ich mich von diesen Fächern abgewendet. Ich bin also quasi ausversehen Psychologe geworden. Zuerst war ich vom Psychologiestudium enttäuscht, weil mich das Auswendiglernen langweilte. Erst mein Meditationsmeister hat mich dazu angespornt, das Studium mit Engagement fortzusetzen. Seinem Rat bin ich gefolgt, so dass ich das komplette Studium zügig und als einer der ersten meiner Generation in Belgrad abgeschlossen habe.

Wie bist Du zu Albert Ellis gekommen und warum bist Du vom Kognitiven Ansatz so überzeugt?

1987 lud mich die Weltgesundheitsorganisation zum ersten Weltkongress in der Kognitiven Therapie nach Oxford ein. Dort lernte ich Albert Ellis und Jannet Wolf kennen. Sie schlugen mir vor, mich im „Albert-Ellis-Institut“ ausbilden zu lassen. Damals hieß sein Institut noch „Institut für Rational Emotive Therapie“. Mit dem Kognitiven Ansatz bin ich schon vorher in Berührung gekommen und mir schien der Ansatz von Albert Ellis deutlich effizienter als der Ansatz von Aaron Beck. Da ich beide Fachausbildungen abgeschlossen habe, konnte ich sie gut miteinander vergleichen und entschied mich für die dauerhafte Anwendung des Ansatzes von Albert Ellis.

Der Kognitive Ansatz, den ich vertrete, basiert auf der Wirklichkeit, so wie sie ist! In der Behandlung psychischer Störungen und bei der Lösung emotionaler und praktischer Probleme meiner Klienten bzw. Patienten muss ich mir keine Theorie ausdenken, um ihnen zu helfen, sondern wir nutzen die Wirklichkeit an sich als Lösungsansatz. Jede Abweichung der subjektiven von der objektiven Wirklichkeit meiner Klienten stellt für mich ein lösbares Problem dar. Ich muss nur noch die Wege suchen, wie ich den erkannten Unterschied meinem Klienten plausibel und überzeugend darlegen kann, damit er bereit ist, seine Sicht der Dinge aufzugeben und sie durch die objektive Wirklichkeit zu ersetzen.

Welches Fazit und welche Erkenntnisse hast Du aus Deinem Lebensweg mitgenommen?

Die allermeisten Menschen leben in einer Art „Lauwarmen Trance“. Sie wissen häufig nicht, wie sie sich helfen können und brauchen daher Hilfe. Aus diesem Grund habe ich meine Lebensmission definiert: Ich möchte das Leben der Menschheit “verbessern”. Ich bin mir aber der Tatsache bewusst, dass ich das in diesem Leben nicht  umsetzen kann, weil die Menschen immer mehr “betäubenden” Inhalten ausgesetzt sind. Der Zustand der allermeisten Menschen wechselt zwischen einem geistig betäubten und einem geistig abhängigen Zustand hin und her.

Was sind die Betäubungen des modernen Menschen?

  1. Drogen, Alkohol, Rauchen etc.
  2. Fernsehen und Computerspiele
  3. Tagesnachrichten und Nachrichten der sozialen Medien
  4. Smartphones
  5. Konsum
  6. Fitnessstudios
  7. Sportwetten und Spielsucht
  8. Alles was man als „Self-Design“ bezeichnet.

Durch die Wiederholung der oben angegebenen betäubenden Tätigkeiten entstehen die Gewohnheiten, die den Geist in eine Abhängigkeit treiben – man könnte fast sagen, versklaven. Der abhängige Geist leidet darunter und sucht sich einen Ausweg. Der Ausweg besteht in einer neuen, anderen Betäubung.

Durch das richtige Wissen und vor allem das richtige Denken können sich Menschen aus dieser Misere befreien. Mein Ziel ist es, so vielen Menschen wie möglich, dieses Wissen zu vermitteln.

Wieso hilfst Du Menschen, ihre Probleme zu lösen?

Als Menschen leben wir in einer Gemeinschaft. Wir sind ständig von Anderen umgeben. Wenn es in meinem persönlichen Umfeld leidende Menschen gibt, weil sie emotionale und praktische Probleme haben, die sie selbst nicht konstruktiv lösen können, dann sind die Lebensumstände für mich selbst auch nicht wirklich gut genießbar. Außerdem empfinde ich seit Jahren einen Drang den leidenden Menschen zu helfen. Als klinischer Psychologe war es meine Pflicht anderen Menschen zu helfen. Dadurch hat sich diese Tätigkeit in meinem Leben verselbstständigt und ist für mich zum Selbstzweck geworden.

Wieso ist es Dir ein so wichtiges Anliegen, Dein Wissen an die Menschen weiter zu geben?

Der erste Grund liegt darin, dass Menschen darüber nicht wirklich Bescheid wissen und dass es nur wenige Menschen gibt, die anderen wirklich helfen können. Viele Menschen sind darauf ausgerichtet, aus dem menschlichen Leid ihre Profite zu machen. Dazu versprechen sie Hilfe, die aber in Wahrheit meist einen noch größeren Schaden anrichtet. Deshalb betrachte ich es als meine Aufgabe, die Menschen darüber aufzuklären und ihnen die Kriterien zu vermitteln, anhand derer sie erkennen können, ob jemand über wahres oder halbgares Wissen verfügt.

Was sind Deine ethischen und moralischen Prinzipien? Welche Werte sind für Dich wichtig?

Ich bin immer auf der Suche nach der Wahrheit. Die Wirklichkeit ist mein größter Lehrer. Das, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist wahr und was davon abweicht, ist unwahr. Ich orientiere mich nach den Kardinaltugenden: Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Mäßigkeit. Derjenige, der nicht über die Weisheit verfügt, das Beeinflussbare vom Nicht-Beeinflussbaren zu unterscheiden, ist zu einem miserablen Leben verurteilt, da er sich entweder in einem betäubten oder abhängigen geistigen Zustand befindet. Mutiges Handeln besteht für mich aus zwei Dimensionen. Erstens muss man erkennen, was überhaupt zu tun oder auch zu lassen ist. Zweitens muss dann das Richtige im richtigen Augenblick am richtigen Ort getan oder gelassen werden. Gerechtigkeit verstehe ich im Sinne von Hamurabi, einem persischen Kaiser, der im 18. Jahrhundert v. Chr. das erste Gesetzbuch der Menschheit geschrieben hat. Er hat seine Gesetze auf einer goldenen und einer silbernen Regel begründet, die da lauten: Tue dem Anderen nur das, was Du Dir selbst wünscht. Tue dem Anderen nicht das, was Du Dir selbst nicht wünscht.

Mäßigkeit bedeutet nicht das, was die meisten Menschen darunter verstehen. Die meisten Menschen denken, dass Mäßigkeit eine Form der Sparsamkeit oder der Bescheidenheit ist. Für mich ist es maßvoll, das eigene Leben so zu leben, dass man ein erfülltes und zufriedenstellendes Leben auf Dauer hat.

Für mich ist es wichtig, meine Lebensphilosophie selbst zu leben und nicht nur darüber zu predigen.

PERSÖNLICH. WEITERKOMMEN.

 

Das Interview führte Katrin Holzinger.