Bildungsreise Indien und Nepal: Reisetagebuch von Daniel Holzinger (Teil 2)

Daniel Holzinger und Milenko Vlajkov in Indien

Samstag, 4. Mai 2019

Gestern Abend waren wir bei Dr. Singh in seinem privaten Zuhause zum Essen eingeladen. Seine Frau, die Tochter und zwei Nachbarinnen haben beim Kochen für so viele Gäste geholfen. Wir saßen zuerst ein Weilchen in seiner Wohnung und dann beim Essen im Vorraum, auf dem Boden.

Ich empfinde das indische Essen als ein wenig langweilig, vor allem deshalb, weil es zum Frühstück, Mittag- und Abendessen fast immer das Gleiche gibt – ja, ich weiß, dass das so nicht direkt stimmt, aber es ist alles so intensiv gewürzt, dass es für meine Zunge und meinen Magen eine echte Herausforderung ist. Und wer weiß, wie „schleckig“ ich als Kind gewesen bin, der muss sich schon wundern, was ich in der Zwischenzeit alles esse und zu welchen kulinarischen Experimenten ich bereit bin.

Heute fahren wir wieder 6 bis 7 Stunden weiter, nach Bodhgaya – dem Ort, an dem Buddha seine Erleuchtung erlangt haben soll.

4 Stunden später …

Wir sitzen immer noch im Bus. Für lächerliche 240km brauchen wir heute 10h. Wir fahren jetzt durch einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Und dementsprechend sind die Straßen. Laut unserer indischen Begleiter ist dieser Staat (Bihar) praktisch ohne Administration und leidet unter maximaler Korruption. Gelder versickern und die Mächtigen bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit. Schade!

Überall sieht man religiöse Zeichen, sogar im Bus beim Busfahrer… die Fußabdrücke sind von Lekshmi, der Göttin des Reichtums mit Swastika (Hakenkreuz) – das Hakenkreuz bedeutet im Hinduismus das Sonnenrad, symbolisiert die universelle Energie und steht für alle vier Himmelsrichtungen.
Davon ließ sich vor vielen Jahrzehnten ein durchgeknallter Diktator inspirieren – da die Arier einst (vor 5500 Jahren) Indien erobert haben.

Übrigens ist es ganz schön warm hier … für die nächsten Tage sind durchgehend Temperaturen von 44° C zu erwarten.

Sonntag, 5. Mai 2019

Heute früh waren wir schon um 5 Uhr im heiligsten aller buddhistischen Orte! An diesem Ort in Bodhgaya stand vor 2600 Jahren ein riesiger Baum. Unter diesem Baum, einem „Ficus religiosa“, soll Buddha der Legende nach seine Erleuchtung erlangt haben. Dieser Baum wurde von einem wütenden Herrscher, der etwas gegen die Ideen Buddhas hatte, einige hundert Jahre später gefällt. Die treuen Anhänger dieser buddhistischen Idee haben aber Ableger von diesem Baum gezüchtet, so dass inzwischen die vierte Generation des Baumes an dessen Stelle dort wachsen. Zudem wurde später an dieser Stelle ein Tempel errichtet und die gesamte Anlage in einen wunderschönen Park verwandelt, in dem es sich bei großer Hitze gut verweilen lässt. Die Architekten alter Zeiten ließen sich von diesem Baum inspirieren und sie haben die Stupas, so nennt man buddhistische Tempel, an die Form seiner Blätter angepasst. Ich habe heute ein Blatt des Baumes, der direkt beim Tempel stand, abgerissen und als Erinnerung mitgenommen. An den Bildern könnt ihr sehen, dass das halbierte Blatt die Form einer Kuppel mit einer langen „Antenne“ hat. Die Meister alter Zeiten glaubten, dass sich so die Energie ins Innere des Tempels übertragen ließe. Leider ist das Blatt, das ich abgerissen habe, nicht völlig symmetrisch – aber viele Blätter haben eine „perfekte“ Form.

In der Abenddämmerung war ich noch einmal beim Tempel in Bodhgaya. Dann habe ich mich von einem lizensierten Fotografen ablichten lassen – die Geldmaschine funktioniert auch hier optimal. Aber was tut man nicht alles für eine kleine Erinnerung. Und soooooo teuer war es auch nicht… umgerechnet 1,20 €!
Im Europapark kostet ein Foto aus der Wasserachterbahn 15€, wenn ich mich richtig erinnere. Also…?!

Seid lieb gegrüßt,
Namaste

Blatt vom Ficus Religiosa und Tempel

Montag, 6. Mai 2019

Heute gleicht unser Bus wieder einem rollenden Lazarett. Von Durchfall über Erbrechen, von entzündeten Augen bis Fieber ist alles dabei. Ich halte mich wacker und kämpfe nur ein wenig mit der Verdauung des indischen Essens und seiner Gewürze.

Es hat immer noch 44 Grad im Schatten – das macht alle fertig. Nur die Inder nicht, sie wuseln wie Ameisen umher.

Gerade gab es mein absolutes indisches Lieblingsessen: Milchreis mit Cashew- und frischen Kokosnüssen, Mandeln und Kardamom – und das alles in Nalanda! Das war in alten Zeiten die größte Universität Indiens. Diese Universität wurde im 6. Jhd. v. Chr. nach Buddhas Plänen gebaut. In der Hochzeit dieser Uni gab es damals schon 10.000 Professoren, die hier lehrten. Die Uni erstreckte sich auf einem Gebiet von 5 x 10 km. Im 12. Jhd. n. Chr. wurde sie im Zuge der islamischen Eroberung Indiens zerstört. Das ist das einzige Bauwerk, das eindeutig Buddha zugeordnet werden konnte, das er selbst ins Leben gerufen hat.

Zurück zum Mittagessen.
Wir haben es mit drei indischen Jungs geteilt, die von mir ein wenig Geld erbettelt haben. Dann habe ich sie zum Essen eingeladen und niemand aus der Reisegruppe hatte etwas dagegen. Sie wussten nur nicht, was sie mit dem Löffel anfangen sollten, denn sie essen mit den Fingern.

Namaste!

Wir teilen unser Essen mit drei Jungs in Nandala

Auf der Straße sehen wir alle möglichen Gefährten – dagegen reisen wir in einem 5-Sterne-Bus.

Dienstag, 7. Mai 2019

Heute waren wir in Rajgir, dem Ort, an dem Buddha viele Jahre vor seiner Erleuchtung und dann mehrere Jahre nach seiner Erleuchtung gelebt und meditiert hat. Der Berg, auf dem er meditierte, heißt übersetzt Adlerkopf oder Adlerberg, weil es dort, bis vor ein paar Jahren, einen großen Felsen gab, der Aussah, wie der Kopf eines Adlers. Dieser Felsen wurde erst kürzlich bei einem Erdbeben zerstört.

Das Foto links zeigen die Höhle, in der Buddha vor 2600 Jahren gesessen und meditiert hat. Ein toller Platz, schattig in einsamer Natur – mit einer leichten Brise!

Heute ist es wieder extrem heiß hier in Bihar und wir haben eine 15stündige Busfahrt vor uns.
Hurra!

Um durch einen indischen Ort durchzufahren, braucht man echt Geduld. Es gibt keine Ampeln, keine Verkehrsschilder, keine Regeln. Hund, Katze, Maus, Affen, heilige Kühe, Wasserbüffel, Ziegen, tausende Fußgänger, Radfahrer, Trikes, Fahrrad-Rikshas, Motor-Rikshas, Autos, Laster, LKWS und Busse quetschen sich durch eine schmale Straße, die bei uns nur eine Spur wäre. Dagegen ist Stuttgart-City ein Freizeitpark.

Wir brauchen manchmal zwei Stunden um eine Strecke von 2-3km zurückzulegen. Und Inder halten sich sowieso nicht an Regeln, selbst dann, wenn es welche gibt. Sie drängeln, wo sie können. Ob es die Schlange vor der Toilette ist oder der Straßenverkehr. Alles was kann, drängelt nach vorne. Jeeps und Motorräder überholen an der Seite der Straße und drängeln sich dann vorne wieder rein.

4 Stunden später …

Wir haben eine Durchschnittsgeschwindigkeit – und jetzt haltet euch fest – von 11 km pro Stunde. So kommen wir niiiiiieeee an. Nach Google Maps haben wir noch 200km vor uns. So wie es jetzt aussieht, brauchen wir dafür noch 10-20 Stunden für diese Strecke. Das kann man sich bei uns einfach nicht vorstellen. Der Busfahrer hat keine Pause. Er fährt alleine und muss sich aufs höchste konzentrieren. Hoffentlich schläft er nicht irgendwann ein!

Sprachunterricht im Bus. Zählen von 1-12 auf Hindu:

5 Stunden später …

So fast geschafft! Noch ein paar Minuten und wir haben unser Ziel nach 12h Fahrt erreicht. Heute ist ein Feiertag in Indien. Übersetzt ungefähr: „Tag der Ewigkeit“ – und was macht man an so einem Tag? Entweder wie wir eine kleine Ewigkeit im Bus verbringen öder heiraten! Überall finden heute Hochzeiten statt. Das Video habe ich gerade aufgenommen:

Mittwoch, 8. Mai 2019

Heute früh waren wir in Kushinagara, dem Ort, an dem Buddha gestorben ist und verbrannt wurde. Zu seinen Ehren wurde auch hier wieder eine Stupa errichtet und ein schöner Park angelegt.

Zum Beweis, dass in Indien immer noch Elefanten als Arbeitstiere eingesetzt werden, habe ich auch hier ein Bild geschossen. Natürlich läuft er majestätisch in mitten der Straße.

Jetzt sind wir auf dem Weg nach Nepal! Nur noch eine Busfahrt von vier Stunden und wir werden nach Lumbini kommen. In dieser Stadt ist Buddha als Sohn eines Radjas geboren. Und da wir ja heute Indien verlassen und nach Nepal weiterreisen, müssen wir uns schweren Herzens von unserem Bus-Team trennen. Sie waren uns herzliche Reisebegleiter, die sich aufopfernd um uns gekümmert haben!

kushinagara
Unsere Reiseleiter

Irgendwie verrückt: aber man merkt schon nach 2 km, dass man nicht mehr in Indien ist. Weniger Hektik und weniger Chaos. Sehr sympathisch, die Nepalesen. (Gut, wir sind erst seit 30 min hier und das Urteil ist vielleicht ein bisschen früh.)

Namaste – sagt man auch in Nepal!

PS: Unser Hotel heißt Nirvana! Das ist das Ziel aller Buddhisten – vergleichbar mit „Paradies“. Und es fühlt sich auch wie eines an, wenn man aus der hochsommerlichen Hitze ins gekühlte Hotel kommt.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Einen herzlichen Gruß aus Lumbini, dem Geburtsort von Buddha. Lumbini ist die vorletzte Station unserer Reise – noch eine Übernachtung hier und dann geht es morgen nach Kathmandu. Von dort fliegen wir nach Delhi und dann über Istanbul zurück nach Frankfurt.

Den Erzählungen nach, wurde Buddha von seiner Mutter im 7. Schwangerschaftsmonat als Frühchen geboren. Er soll, ähnlich wie Jesus, eine „unbefleckte Empfängnis“ gewesen sein und seine Mutter gebar ihn aus ihrer rechten Achselhöhle, badend in einem Teich, tief in den Wäldern, der damaligen Zeit – ja, so erzählen sie es. An diesem Ort haben die Buddhisten aller Welt riesige Klöster gebaut. Das chinesische Kloster und das nepalesische Meditationszentrum haben wir uns genauer angesehen. Aber ich habe auf einem Schild gelesen, dass es auch ein österreichisches Kloster geben soll – gesehen habe ich es aber nicht.

Es geht mir glücklicherweise körperlich immer noch gut und zur großen Freude aller Reisenden gab es gestern Abend im Hotel Spaghetti! Nach zwei Wochen indischer Küche haben alle kräftig zugeschlagen. Hier ist es wieder extrem heiß und es hat eine hohe Luftfeuchtigkeit, wie in der Sauna. Nach fünf Stunden Ausflug mache ich jetzt erstmal ein Mittagsschläfchen.
Namaste!

Lumbini in Nepal

Freitag, 10. Mai 2019

Nach 13 Stunden für 240km endlich im Kathmandu angekommen! Weitere News morgen. Jetzt erstmal duschen und Abendessen.

Samstag, 11. Mai 2019

Wie ich gestern schon geschrieben habe, bestand der Tag nur darin, sich in Geduld zu üben und die lange Busfahrt in guter Laune über sich ergehen zu lassen. Kathmandu oder auch Katmandu geschrieben, liegt in einem „Hochtal“ des nepalesischen Himalaya-Gebirges. Und es gibt für diese riesige Millionenstadt nur eine lächerliche Zufahrtsstraße, die sich über viele Kilometer durch die Berge windet. Abenteuerliche Streckenführung mit hohen Brücken, tiefen Schluchten und Abhängen inklusive. Und ihr könnt euch vorstellen, dass es bei nur einer Panne zu einem endlosen Stau kommt. Und in einem solchen standen wir gestern. Als wir dann endlich Kathmandu erreicht hatten, mussten wir uns noch zwei Stunden für 6km durch die Stadt quälen. Es gibt auch hier keine Ampeln und an jeder Kreuzung herrscht der blanke „Krieg“ wer fahren darf.

Außerdem dürft ihr euch in Stuttgart und Umgebung wie im Luftkurort fühlen – von wegen Feinstaub und schlechte Luft. Hier sind die allermeisten Straßen nicht geteert und die LKWs und Busse blasen den Diesel beinahe unverbrannt aus ihren Auspuffrohren. Der Staub der Straße dringt durch jede Ritze und selbst im Bus schmeckt man den Staub auf der Zunge. Ein Spaziergang durch die Straßen Kathmandus fühlt sich an, wie ein Marsch durch die Sahara, bei Sandsturm.

Heute früh sind wir schon um 5 Uhr zum Tempel Bodnath gegangen um den Sonnenaufgang und die Morgenzeremonie zu bestaunen. Die Gläubigen umrunden den Tempel dreimal und viele werfen sich dabei auf den Boden. Sie glauben, dass sie nach 108.000 Niederwerfungen die Erleuchtung erlangen – eine ziemlich schweißtreibende und anstrengende Angelegenheit, wie ihr im Video sehen könnt.

Insgesamt strahlen diese Orte alle eine große Faszination aus. Man hat das Gefühl an einem besonderen Platz zu sein. Die große Eifrigkeit, mit der die Gläubigen ihrer Sache nachgehen, mag dazu beitragen. Vielleicht ist es aber auch der Ort an sich?
Jetzt haben wir tatsächlich zwei Stunden Frühstückspause, bevor es zu den nächsten Highlights weitergeht.

Blick auf den Tempel Bodnath in Kathmandu

Sonntag, 12. Mai 2019

Kurz zurück zum Tempel in Bodnath: Um diesen drehen die Gläubigen in den Morgen- und Abendstunden ihre Runden. Aus irgendeinem Grund rennen sie mehr, als dass sie gehen. Und das tun sie auch überhaupt nicht andächtig, sondern man hat den Eindruck, dass sie das so schnell wie möglich „abarbeiten“ wollen. Gestern habe ich auch gelernt, dass man in das Innere der Stupa nicht hineingehen kann, weil die Form und vor allem das leere Innere, die Leere und Reinheit im Geist Buddhas repräsentieren sollen.

Am Nachmittag waren wir dann auf einem tollen „Kraftort“ – das ist ein Tempel, hoch oben auf einem Berg, am Rande Kathmandus. Dieser Tempel und Kraftort heißt: Swayambhunath! Tausende Gläubige versammeln sich dort jeden Tag und „tanken“ Energie an diesem magischen Ort. Glücklicherweise steht die Energie auch für uns ungläubige Touristen zur Verfügung – da ist Mutter Natur nicht so dogmatisch wie die Kirchen, Prediger und religiöse Vertreter.

Milenko Vlajkov in Swayambhunath

Heute früh dann haben wir völlig die Sau rausgelassen. Wir sind um 2:20 Uhr aufgestanden um dann mit dem Bus zu einer Aussichtsplattform auf 2000m Meereshöhe zu gondeln. Sonnenaufgang war um 5:17 Uhr und es wurde uns in Aussicht gestellt, die höchsten Berge Nepals zu sehen. Leider war die Luft sehr diesig, so dass wir nicht wirklich was gesehen haben! Aber einen Versuch war es wert und so sind wir gegen 8:30 Uhr ins Hotel zurückgekehrt.

Sonnenaufgang in Kathmandu

Nach dem Frühstück habe ich mich hingesetzt und mich auf meine Rückkehr vorbereitet. Die PowerPoint-Folien für unsere nächste Ausbildungsgruppe mussten überarbeitet werden!
Jetzt freue ich mich wieder sehr auf die Heimreise und hoffe, dass ich auch den letzten Teil der Reise gesund überstehe.
Ich freue mich auch, dass ich Euch mit meinen Berichten offensichtlich eine kleine Freude bereiten und Euch ein wenig an der Reise teilhaben lassen konnte. Danke für die vielen positiven Rückmeldungen. Vielen Dank vor allem an meine liebe Katrin, dass sie mir immer die Freiheiten gibt, so etwas zu unternehmen – das ist wahre Liebe.
Schön wars!
Namaste

Montag, 13. Mai 2019

Zum krönenden Abschluss war ich gestern noch Zaungast bei einer echten indischen Hochzeit – soweit ich es verstanden habe, kam die Hochzeitsgesellschaft aus Indien nach Kathmandu, um dort zu feiern. Drei Tage lang im teuersten Hotel Nepals – und ich habe genau den wichtigsten Moment erlebt, als die beiden sich diese Kränze um den Hals legten – das hat dieselbe Bedeutung wie bei uns die Eheringe. Es war spannend das zu erleben, denn alle Beteiligten haben sich große Mühe gegeben, das Fest perfekt und unvergesslich zu gestalten. So hat es sich auch in mein Gehirn eingraviert.

Jetzt sitze ich auf meinem gepackten Koffer und warte auf die Abfahrt zum Flughafen. Heute geht es nach Delhi und dann morgen früh um 6:30 Uhr zurück nach Frankfurt.

Seid lieb gegrüßt!
Namaste.

Daniel, Milenko und Simona landeten am 14.5.2019 wohlbehalten wieder in Frankfurt. Sie freuen sich darauf, die Erkenntnisgewinne der Reise in ihre Arbeit zu integrieren.